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09.02.2012
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Wo Backsteine Geschichte(n) erzählen

Unermessliche Armut und grenzenloser Reichtum lagen im Lodz des 19. Jahrhunderts nahe beieinander. Hier beengte Hütten, dort verschwenderische Paläste. Dazwischen die nicht enden wollenden Klinkerfassaden der Textilfabriken. Bis heute geben die Bauten davon Zeugnis ab, wie sich Lodz innerhalb weniger Jahre vom öden Provinznest zum polnischen Manchester und einem der größten Textilproduzenten Europas empor schwang. An kaum einem anderen Ort in Europa wird die Geschichte der industriellen Revolution erfahrbarer als im Stadtviertel Ksiezy Mlyn. Diese industriegeschichtlichen Zeugnisse stellen einen der größten touristischen Schätze in Stuttgarts Partnerstadt dar.



Das Textilmuseum in Lodz.
Foto: POT

In Ksiezy Mlyn weiden noch Kühe im Schatten der Windmühlen, als Karl Scheibler, Traugott Grohmann und andere Pioniere des Industriezeitalters nach Lodz kommen, 1827 entsteht die erste Fabrik, dann geht es Schlag auf Schlag: Dampfgetriebene Maschinen ersetzen die Handwebstühle, alte Fabriken gehen in Flammen auf, neue, größere entstehen. Mit ihnen wachsen die Residenzen der Besitzer und die Wohnblöcke der Arbeiter. Es entsteht die ideale Industriestadt des 19. Jahrhunderts.

Karl Scheibler aus Monschau bei Aachen steigt in wenigen Jahren zum größten Textilfabrikanten in Lodz auf. 1880 beschäftigt er bereits 5.000 Menschen in Ksiezy Mlyn. Sein Imperium bildet eine Stadt in der Stadt. Die Arbeiter leben in Scheiblers Wohnsiedlung, kaufen in seinem Konsum, die Kinder besuchen die Scheiblersche Schule, bevor sie ihren Eltern in die Fabriken folgen. Rot ist die dominierende Farbe in Ksiezy Mlyn, die Farbe der Ziegelsteine, in Zeiten der Streiks auch der Fahnen und des Blutes.

Bis heute ist das einzigartige Ensemble in seinen Grundstrukturen erhalten geblieben. Zwar wurden einzelne Gebäude abgerissen, aber rechtzeitig dämmerte den Stadtoberen, welchen kulturgeschichtlichen Schatz sie hier zur Pflege erhalten haben. Und so versucht man den schwierigen Spagat, Denkmalschützern und Investoren gleichermaßen Rechnung zu tragen. Vielleicht das gelungenste Beispiel für die Synthese von Alt und Neu ist die ehemalige Feuerwache von Scheibler. Eine Versicherung hat das Äußere belassen, die Klinker gewienert und im Inneren lichtdurchflutete, offene Büros eingerichtet.

Für die Paläste fanden sich neue Nutzungen. Schon 1948 zog die Filmhochschule von Lodz in eine Villa in der Targowastraße. Roman Polanski, Andrzej Wajda und andere Regisseure lernten dort ihr Handwerk. Im Scheibler-Palast am Plac Zwyciestwa öffnete 1986 das Museum für Kinematografie, dessen reiche Sammlung rund 50.000 Exponate umfasst.

Den gewaltigen neobarocken Palast des Fabrikanten Izrael Poznanski an der Ogrodowastraße 15 nutzt seit Jahren das Museum für Stadtgechichte. In einem Saal wird an einen weiteren berühmten Bürger von Lodz erinnert, den Musiker und Komponisten Artur Rubinstein. Nicht minder bedeutend ist der zweite Poznanski-Palast in der Wieckowskiegostraße 36. Das dortige Kunstmuseum verfügt über eine der wichtigsten Sammlungen der klassischen Moderne in Polen. Zu sehen sind dort unter anderem Werke von Pablo Picasso, Paul Klee und Max Ernst, aber auch von bedeutenden polnischen Vertretern der Moderne wie Katarzyna Kobro und Wladyslaw Strzeminski.

Der Weiße Palast von Scheiblers Schwiegersohn Eduard Herbst ist wieder das was er schon früher war: der repräsentativste Bau in Ksiezy Mlyn. Die sorgsame Restaurierung des stark verfallenen Palastes bescherte dem Museum 1991 die begehrte Auszeichung „Europa Nostra". Das Mobiliar – aus mehreren Fabrikantenvillen zusammen getragen – vermittelt einen guten Eindruck vom aufwändigen Lebensstil der damaligen Fabrikherren.

Die Arbeitersiedlungen sind leider nur von außen zu besichtigen. Das interessanteste Ensemble besteht aus drei Reihen mit zweistöckigen Backsteinhäusern an der ul. Przedalniana: Sie boten den privilegierteren Arbeiter von Scheibler kleine Ein- und Zweizimmer-Wohnungen ohne Bad und Küche. Während später die Wohnungen zeitgemäß umgebaut wurden, blieb die äußere Form der Anlage weitgehend erhalten. Konsum und Schule behielten bis heute ihre alte Bestimmung.

Und die Fabriken? Die Textilindustrie in Lodz war im 19. Jahrhundert vor allem für den riesigen russischen Markt entstanden und sie verlor mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ihre angestammten Märkte. Die Vergangenheit lebt nur noch fort in der für Ludwig Geyer errichteten Weißen Fabrik an der nahen Piotrkowskastraße. Dort entstand bereits 1960 ein Textilmuseum, das eine enorme Sammlung von Maschinen aus dem 19. und 20. Jahrhundert sowie allerlei Dokumente zur Entwicklung der Textilindustrie zeigt.

Ein neues Kapitel beginnt: Alte Fabriken werden heute von Dienstleistungsunternehmen, als Redaktionsräume, Einkaufszentren oder für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Junge, experimentierfreudige Künstler und Musiker finden in den gesellschaftlichen Umbrüchen den Stoff für ihre Arbeit. Schon seit einigen Jahren ist Lodz die polnische Techno-Hauptstadt. In einige der ehemaligen Fabriken entlang der Piotrkowska-Straße zogen originell ausgestattete Kneipen und Clubs; wo früher Webstühle und Spinnmaschinen ratterten, dröhnen heute die Bässe aus riesigen Musikboxen.

 

Quelle: FVA Polen / bearbeitet von pairola-media

 
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